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Nabelschau: My Rave is different than your Rave (Im Kosovo)

8 Dez

„Und die selbst gebauten Fallen
Und die halb verheilten Wunden,
All die imaginären Grenzen
Und die ausgelöschten Stunden“

Muff Potter

Ich bin herausgeputzt wie eine Weihnachtsschlampe. Roter Lippenstift, Locken auf die widerspenstig glatten Haare, Brüste Körbchen B auf DD gepusht via Maximizer in diesem schummrigen Schuppen in der ostdeutschen Provinz um den Mann meines Lebens kennenzulernen. Was läuft falsch in meinem (vielleicht zu minimal) feministisch denkenden Hirn? Aber trotz unterdurchschnittlicher Ästhetik des Herrn gebe ich mein Bestes und reduziere den Menschen auf sein Fortpflanzungsorgan. Ich will keine/-n Nachkommen/kommerin. Ich will verdammt nochmal Sex. Die ganze Kneipe fiebert mit, ob da noch was geht oder auch nicht. Aber das wird wohl nix, habe ich entschieden.

Dann steht ein anderer vor mir.
Ich bohre in Wunden. Warum er seine Seele verkauft hat. An die Bundeswehr. Was die scheiß Deutschen im scheiß Kosovo verloren haben. Die scheiß Nato sei schuld, sagt er. Er wolle sich nur um seine Mutter sorgen. Die Bundeswehr gebe schließlich Kohle. Viel Kohle. Asche. Das No Future sei in dieser ostdeutschen Kleinstadt zu groß. Scheiß Kohle, scheiß Asche, Sein Kamerad wurde am Arm getroffen. Währenddessen stehen in der ersten Reihe Kinder, die ihm zu gern die Kehle durchschneiden würden. Aber es sind doch Kinder in der ersten Reihe. Kinder! Und Mütter. Und Alte. Deshalb zögert er zu schießen. Deshalb kann er nicht schießen.

Ich denke an Demos, an die Kinder und die Mütter und an die Mütter der Mütter in der ersten Reihe, an S21, an unsere Taktik, an unsere Solidarität, unseren Willen, unser Ziel. Und wie absurd das wäre, würden die Polizisten scharfe Munition verwenden. Wie absurd das sei, wären dies keine Wasserwerfer, sondern AK47. Ich kenne ihn nicht, wie er vorher war, bevor er im Kosovo diente. Aber jetzt spricht er wie ein „Eichhörnchen auf LSD“.
So würde ich es in meinem Niedlichkeitsmodus ausdrücken. Aber dieser Mann ist ein Irrer. Er ist geschädigt von dem Krieg, in dem er nichts zu suchen hat. Ich bohre weiter, weil ich neugierig bin, und frage nach Serben und Albanern und auf wessen Seite wir, die Deutschen, stehen würden, denn ich weiß es nicht. Er muss überlegen, und ich will keine deutsche Weihnachtsschlampe mit fake doppel D-Brüsten mehr sein.

Diesen Monat wären wieder zwei Soldaten gefallen. Nie war es realer als jetzt. Er spricht davon, wie er in Frankfurt am Flughafen von Pazifisten bespuckt wurde, weil er Soldat ist. Und ich denke daran, wie ich jeden anderen auch bespuckt hätte, weil er ein scheiß Soldat ist.
Denn man wird einfach nicht Soldat. Nein das wird man nicht, man verpflichtet sich nicht, wird auch kein Polizist,  man wird kein Befehlsempfänger, wenn man klar denken kann. Aber ich würde auch jeder Zeit meine Seele verkaufen, um meiner Mutter zu helfen. Selbst wenn ich bluten müsste. Auch wenn ich unter der Fahne eines angeblich väterlichen Landes bluten müsste, wäre es mir das wert.

Er spricht davon wie schlimm es ist, denn die deutsche Öffentlichkeit wolle keinen  Krieg. Aber das hier wäre nichts anderes. Wir würden in den Medien gerade mal ein einziges Prozent der Realität im Südosten vermittelt bekommen.
Okay, „drei Soldaten im Afghanistan gefallen, Jopi Heesters wird bald 108 Jahre alt“, viel Marmelade im Schuh, denn Happy Birthday to you. Sie sind „gefallen“ sagen die „Nachrichten“ –  sie sagen nicht „sie sind verdammt nochmal verblutet, ihre scheiß Körperflüssigkeit ist sinnlos in der verfluchten Erde versickert wie die von armen Schweinen in Schlachthäusern, emotionslos und kalt, während sie an ihre Mütter dachten, während sie an ihre Liebe in der Heimat dachten, während sie ein letztes Gebet schickten, während sie vielleicht bereuten, während ihre verdammten Seelen und Körper bluteten, als die Herzen ihrer Freunde zersplitterten, weil sie einen geliebten Menschen verloren und nach Sätzen suchten um das Geschehene in Worte zu fassen.“ Das sagen sie nicht.

Aber das verstehen wir nicht. Weil wir viel zu wenig wissen. Weil wir mit Jopi den 108. Geburtstag feiern.

Er starrt auf meine Brüste, entschuldigt sich und sagt, dass er solche vier Monate lang nur auf seinem Computer-Monitor gesehen habe und nicht in 3D. Ich mache mich nun nackt und ziehe mich mental aus, sage ihm, dass ich Medienkommunikation studiere und schon seit langer Zeit für verschiedene Magazine schreibe und seine Realität sehr bedenkenswert und interessant finde.
Diese Tatsache kann ich nicht sensibler formulieren.

Er sagt: „Ich war nicht freiwillig dort“.

Mein Herz zersplittert und ich muss weinen.

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Feliz Augenblick

30 Dez

Hallo Mensch,

Du bekommst keine Neujahrsgrüße, keinen abgefuckten Facebookpost, keine Traditions-SMS von mir,  nur weil man das halt so macht und je mehr Menschen Dir schreiben, desto beliebter prostprostprost. Wenn Du neben mir stehst, bekommst Du vielleicht einen gut gemeinten Schulterpunch oder bei ausgeprägter Sympathie eine Umarmung – ich brauch kein Silly Vester, kein neues Jahr 2012 um Dir eine schöne Welt, Gesundheit, Gold und Endorphine zu wünschen.

Anyway: Ein paar 2011er Stichpunkte können sich hier gern hinpflanzen.

.Januar.
Sonnenstrahlen auf Brombeereis mitten im Winter. Die Theorie, einen Mann, der Dich an der Türschwelle küsst, siehst Du nie wieder, bestätigt sich mal wieder. „Take this Train and tell yourself it’s never our time, oh.“ Ein Interview mit dem größten tollsten bestaussehendsten ausgefuchstesten Musiker betrunken und in grandiosem Englisch durchgezogen, den Recorder fallen gelassen, den Text nie abgetippt.

.Februar.
Ich erlerne  den Umgang mit dem höllischen Trikolon Bohrmaschine/Bier/Motörhead und glaube fest daran, im Stehen pullern zu können. Dabei schwöre ich am 14.2. , jedem den Mittelfinger in den Bauchnabel zu rammen, der das böse V-Wort in den Mund nimmt. Lieblingstweet von einFraeulein: „Der Valentinstag langweilt. Könnten wir wieder über die wirklich wichtigen Dinge reden: Montag, Titten und erfolglosen Geschlechsverkehr?!“ 

.März.
„Arbeitenarbeitenarbeiten wichsenwichsenwichsen saufensaufensaufen alles scheiße, fuck fuck fuckEntdeckung des Jahres: Ludger. Sagen die Wahrheit und liefern den Soundtrack zum Februar. Arbeiten arbeiten arbeiten. Fünf Tage am Schreibtisch wach und Recherchen über Lokalfußball und Hooligans. Adresse der WG tätowieren lassen. In Fukushima kracht es, ich schau mir „The Yes Men“ an und komme zu dem Schluss „Goldene Leichen sind gute Leichen“ – Die alten AKWs abzuschalten, hieße höhere Strompreise. Welch unsägliche Zumutung!

.April.
Ich muss wieder zur Uni. Ray Ban-Brillen, Lacoste-Schuhe, iPads im Hörsaal – was zum Teufel ist mit dem Bild des armen Studenten passiert?? Dann kam die Sonne mit voller Wucht, ich liege im Freien, wir reden, rauchen, lachen, lieben, leben, ein Drogentraum, eine Wachkomaerscheinung, gestohlene Küsse, ein Absturz. Ich will mein Hirn zurück, stelle mein Leben um, will mein Leben zurück, verzichte auf Konsum, gebe dem Bewusstsein wieder Raum, werde vegan.
Dann kommt wieder dieser Bright Eyes-Moment „At The Bottom Of Everything“, die Krankheit, die mich das vierte Jahr verfolgt. Hätte es nicht nur ein Schnupfen sein können? Ein Sturm sollte wehen, der Regen prasseln, aber die Sonne verweichlichte uns in der Salzlache. Bebende Leiber umarmen, tapfere Hände schütteln, die Schwerkraft zieht an den Gliedern, tonnenschwer, bis auf den Grund des tiefsten Ozeans, alles wird taub, ich bin stumm, ein Loch, viele Löcher in Lunge und Magen und Herz und überall.We’re going to a party, it’s a birthday party. It’s your birthday party, happy birthday darling. We love you very, very, very, very, very, very, very much.“  Farewell good friend.

.Mai.
Erster Sonnenbrand des Jahres am 1. Mai. Vegan kochen gelernt. Jeden Tag zum Sport gegangen. Ein langweiliger Monat ist ein guter Monat.

.Juni.
Der lila Pinguin kommt nur noch selten, um mir den Kopf zu tätscheln, auch die Leber explodiert nicht mehr. Ich spar meine Kräfte für die Festivalsaisson, arbeite vor und treibe die Ghostwriterkarriere voran. Bin das erste Mal in München und würde lieber wieder zurück im Erzgebirgsdorf vergammeln als dem Gefühl dieser Stadt ausgesetzt zu sein.

.Juli.
Endlich. Endlich. Festivalsaissonstart! Drei Mal in diesem Monat. Es beginnt mit der perfekten Utopie, der gelebten Freiheit auf dem russischen Flugplatz. In der Mitte kommt der fremde Bärtige, küsst mich, bedankt sich, verschwindet. Dazwischen Regen. Dann nach Dortmund, Parkparty und Veggieshop erobern. Das „u“ in Juli steht für „Unglaubliche Qualität!“

.August.
Die traurige Sache: die letzten drei Festivals stehen an. Schlammville, Jesus von Melonen und Not-Hohenfelden. Die richtig gute Sache: Wahnsinnsmenschinnen von Wahnsinnsplaneten kennengelernt. Ein paar andere Planetenwunder sind explodiert, aber ich hebe den Mittelfinger und turne weiter. Es gibt ja auch noch dieses wundertolle Flashgunsalbum.

.September.
Ein Fremder meint, ich würde ihm fehlen. Er fehlt mir auch. Irgendwie. Ich verfalle dem Semesterendwahn und bin mal wieder tagelang wach, pendle zwischen Tonstudio und Schreibtisch um meine Studienleistungen zu erbringen, pumpe mich mit Vitamin C, Ginko, Blutverflüssigern, Eisen und Club Mate auf Höchstlevel, bekomme einen buschigen Schwanz und stehe auf Tannenzapfen.

.Oktober.
Werde mit den Girls ein Buch über den Aufwertungstresen schreiben oder eine Punkband gründen. Ganz sicher. Habe jedoch noch ziemlich heftig am Bruch mit dem liebsten Monster zu knabbern und es zerreißt mir das Herz.

.November.
UncleSally*s ist tot, unterm Durchschnitt ist tot, alles scheiße, fuckfuckfuck. Ansonsten ist der November lauwarm. Ich nehme einen Job als Tellerwäscherin in einem Hotel an, weil mir die romatische Vorstellung „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ gefällt. Unterschreibe den Vertrag aber dann doch nicht, weil die Leute ziemlich frustrated und böse sind und sicher nicht in den Himmel kommen. Verkaufe Kerzen auf dem Weihnachtsmarkt und zerfließe glückselig in der Vorstellung, alle Rentner (die mich beklauen wollen) und Kinder (die Böller in den Stand werfen wollen) abzuschlachten. Sonst ist alles okay. Das Weihnachtsalbum von Schnappi, dem kleinen Krokodil, ist echt bombastisch. Der Song des Jahres stammt jedoch von Deine Elstern und setzt sich so in mein Trommelfell, dass ich sogar davon träume.

.Dezember.
Mal fünf Tage probiert, wie das so ist, eine Beziehung zu haben. Ziemlich cool. Aber auch ziemlich scheiße. Jopi ist gestorben, mein schönes Gegenteil auch. Ein Aspirinbalett in 15 Sekunden. 9 Monate vegan, Eisen und B12 gegen die Persönlichkeitsveränderung supplimiert, 25kg abgenommen, danke Arschlochwelt, danke 2011.

… Jahresrückblicke sind langweilig, zeitaufwändig und hirnbeanspruchend.

.serien.

26 Sep

.Labelschau.

CD-Blindkäufe – Wie schön das ist: Andere Menschen beschäftigen sich mit jungen Bands, selektieren und geben ihnen die Möglichkeit, ihre Musik an viele andere weiter zu geben. Damit sie das machen können, brauchen sie Unterstützung – deshalb die Labelschau.

.Lautschau.

Manchmal ein paar Brocken schöner, ergreifender, packender, emotionalisierender, anmutiger, energetischer, wasauchimmerer Musike herum werfen. Jawoll. (Wer weiß, zu welchem Song die obigen Noten gehören, kriegt’n Keks.)

.Nabelschau.

Auch BloggerInnen haben ein reales Leben. Wirklich. Geschichten aus dem Wienerwald und der Realität, gibt es in der Nabelschau. Natürlich sind alle Namen und Begebenheiten frei erfunden. Oder auch nicht.

.Futtertrog.

Köstlichkeiten aus der veganen PunkRockKüche – wobei sich Punk Rock eher auf die Art und Weise des Kochens bezieht: Mengenangaben für’n Arsch! Hier versuche ich’s wenigstens, das Spektakel nachvollziehbar zu machen, während ich Howard Carpendales Klängen lausche. Andächtig.