Mit(behinderung)bewohner

26 Aug

Ich gebe „Downsyndrom WG“ bei Google ein und bekomme alle möglichen Kombinationen mit  „Downsyndrom Abtreibung“ vorgeschlagen. Was ich nicht finde: Texte von oder über junge Menschen, die in ihrer WG mit einem Menschen mit Down Syndrom zusammenleben. Ohne Assistenz, ohne Dienste und Vergütung, ohne dieses Inklusions-Krönchen.

Karl kam vor einem halben Jahr in unsere Wohngemeinschaft. Die Stadt war voll mit leeren Zimmern und unseres nicht gerade der begehrte Käsekuchen auf dem Wohnungsmarkt. Für mich war für die Mitbewohni-Suche klar, dass ich nicht mit einem Menschen zusammenleben möchte, der jünger als 24 ist. Postpubertäre Freiheitsauswüchse, das Entdecken der eigenen Fortpflanzungsfähigkeiten, Party, Alkohol, Menschenmassen, kennenlernenabtasten,nein, ich leiste mir die Altersarroganz der knackigen 28. Ich arbeite hinter dem Tresen und will daheim bitte nur ein ganz langweiliges Familiengefühl.

Karl war einer von zwei Bewerbern auf unser Zimmer. Seine Mutter begleitete ihn zum Casting. Am Anfang habe ich ihn kaum verstanden, auch hat er sich nicht gerade für unsere Leben interessiert, war schweigsam und wich meinem Blick aus.
Ich liebe meine Wohnung und ich liebe meine Ex-Mitbewohnerin. Zusammen waren wir fast fünf Jahre lang immer guter Cop/ böser Cop bei Auswahlgesprächen für unser drittes Zimmer. Ich sah nie ein Problem und hätte gerne alle einziehen lassen. Sie dagegen war stets kritisch, voreingenommen und sehr bedacht. Und ohne sie: Ich habe Angst keine Probleme zu sehen, wo eigentlich welche sind. Oder sein könnten.

Das schnappt mir böse ins Gesicht. In der Kennenlernsituation mit Karl wird mit klar, dass er eben kein normaler Mitbewohni ist. Ich kann kaum mit ihm kommunizieren. Ich verstehe ihn akustisch nicht und bin unsicher, ob mein Gesagtes eins zu eins bei ihm ankommt. Das lässt mich ein bisschen ratlos zurück. Seine Mutter dagegen ein Kommunikationstalent sondergleichen. Berliner Schnauze, nahbar, herzlich. Vielleicht könnte sie einfach einziehen?

Man kann nicht von einer besseren Welt träumen aber selbst nichts dafür tun. Das ist mein Mantra geworden. Wie kann ich mir wünschen, dass die Menschen weniger in Rollen und Stereotypen denken, dass sie Gleichstellung leben statt predigen, und mich gleichzeitig nur auf meiner wuschelweichen Privilegienmatratze suhlen?

Karl kam vor 21 Jahren mit Downsyndrom zur Welt und wohnt jetzt mit uns. Niemand von uns hatte irgendwas mit Downies zu tun. Als Karls Mom in ihrer ersten Nachricht schrieb, Karl sei etwas besonderes, kams mir ehrlich gesagt ein bisschen hoch. „Alter, jeder ist was Besonderes“ schrie mein innerer Bauarbeiter. Downies seien ja immer total glücklich – zur Hölle mit euch KlischeebreittreterInnen! Karl würde ab und an mal was aus dem falschen Kühlschrankfach mopsen – „was“ kann dann über Nacht eine Dreiviertel Flasche Ketchup, 1,5 Packungen Frischkäse oder ein halber Seitanbraten sein. Auf unserem Küchensofa ist sein Lieblingsplatz und als wir nicht für ihn weggehen tritt er bitter enttäuscht in den Sitzstreik. Auf dem Küchenfußboden. Er sei stinksauer und würde es seiner Mutter erzählen. Ich mache ihm auf meinem Tab seine Lieblingsfilme an und wenn ich es abends mit ins Zimmer nehmen will, ist er stinksauer. Obwohl er selbst eins hat.

Die ersten beiden Wochen lassen mich verunsichert zurück. Haben sie recht, wenn sie sagen, ich werde zur Betreuerin für einen Behinderten gemacht? Habe ich potentielle Probleme ignoriert oder weggeredet? Wie kann das gut gehen?
Karl dachte auf meinem Tab seien mehr Filme als auf seinem (er hat dieses zauberhafte Internet nicht ganz verstanden). Diese Sichtweise legt mir seine Mutter nahe als wir uns austauschen. Und klar ist, dass das Zusammenleben mit ihm eben etwas besonderes ist. Wir beide müssen unsere Grenzen ausloten und uns aufeinander einstellen. Klar ist, dass ich ungeheuer viele Konfliktsituationen mehr mit ihm erlebe, als mit einem „normalen“ Mitbewohni. Aber auch so unglaublich viel bezaubernderere als mit einem normalen überhaupt möglich wären. Wir kichern und flachsen herum, dass das Herz schmilzt. Karl hat Witz, einen durchdringenden und spontanen, den ich von keinem anderen kenne. Er zitiert ohne Unterlass Filme, durchsteigt den kompliziertesten Plot und erkennt SchauspielerInnen und Synchronstimmen wie kein anderer. Er ist nicht blöd.

Manche Sätze wirken oft hart: „wie redest du mit mir?“, „kannste stecken lassen“ oder „hast mich schon verstanden“ sind aber Standardsprache, die immer dann abgespielt werden, wenn er cool wirken will oder überfordert ist. Zwischendrin war es manhcmal echt hart – man selbst gerade nicht an einem sehr glücklichen Tag und ziemlich unsensibel und Karl besonders auf Krawall mit scheppernder Tür. Konflikte sinnd nicht „normal“ zu beheben. Und als es besonders doll wurde haben wir uns geeinigt, dass wir nach der Drei-Monats-Marke ausloten müssen, wie es weitergehen wird. Können wir so leben?
Karl ist witzig, er ist grummelig, er ist überschwänglich, Karl kann zeichnen, Karl ist sehr empathisch, er ist oft sehr unselbstständig und träge, er ist oft überfordert und manchmal sehr sehr hart und kann deinen wundesten Punkt treffen. Aber es hält sich alles die Wage. Man lernt so viel und vor allem lernt man, Klischees abzuschütteln, Pauschalisierungen zu verurteilen und man härtet ein bisschen ab.

Und wie ist das nun, in so einer zivilen inklusiven WG mit arbeitenden, studierenden und einem Mit(behinderung)-Bewohner? Ungewöhnlich, süß, schön, lustig, anstrengend, aufreibend, herzlich, überraschend, frustrierend – genauso wie in jeder anderen Konstellation auch. Schließt das nicht für eure WGs aus, probiert es, sucht die Konfrontation, sucht die Kommunikation, macht Inklusion.

 

 

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