Bird Berlin //Wir sind schön.

23 Feb

Ist das Theater des Absurden gepaart mit postdramatischer Performancekunst, ist das schnöde Glitzerromantik in Synthiepop gehüllt oder müssen wir uns ganz genau überlegen, was wir jetzt tun, weil irgendwo die versteckte Kamera auf uns zoomt? „Liebt euch, denn ihr seid wunderschön“ gerahmt von einem blauen Herz steht auf einem schnoddrigen Zettel am Merchstand. Auf der Bühne eskaliert ein großer Mann mit volumiger Stimme und nicht weniger ausladendem Körper. Wildes Haar auf Kopf, Rücken und Brust, ein Herz hineinrasiert zwischen den Nippeln und Glitzer obendrauf gestreut. Die Schweißporen so weit geöffnet wie die irritierten Augen des Publikums. Gleich fallen sie ihnen heraus.

Bird Berlin ist einer der angenehmsten Menschen der Welt. Ein unaufgeregter, ein faszinierender, ein herzlicher, ein ruhiger und ein mitreißender. Kontraste machen Menschen. Er, der mit entrücktem Blick dadaistische Texte singt, nur mit Stulpen und enger Leggins auf der Bühne sich in extatischem Ausdruckstanz übt – irgendwo zwischen Jane Fonda Fitnessvideo und Fatboyslim-Musikclip – schafft es Neu-Fans aus der Woge der Irritation zur Bucht der Faszination an den Stand der Liebe zu schwemmen. Ja, er füllt ganze Hallen mit Liebe, spätestens seit er sich mit Frittenbude verschiedene Bühnen der Republik teilte. Er spaltet gängige Kategorien der Normalität, zerhäckselt sie und serviert sie uns mit Käse überbacken, auf dass sie zu Scheiße werden. Er konfrontiert uns mit der Absurdität eingeübter Wertungsschemata: Darf denn ein fetter Mensch seine Massen wabbeln lassen, so schamlos die dunklen Dehnungsstreifen am Bauch präsentieren, so textilfrei Spaß empfinden statt sich zu schämen? Heiligs Blechle, nimm den Müll mit raus wenn du gehst.

Die Freiheit des Körpers als Protestform gegen das enge Korsett gesellschaftlicher Normen und Erwartungshaltungen, mag hippieske Vergleiche heraufbeschwören. Konfrontation und Irritation als Ausgangsposition, abzielend auf das Ausweiten der eigenen Komfortzone, die niemandem Raum stiehlt. Sichtbarmachen und so die Normalität erweitern. Bodypositivity.

birdi

(Bild: CRIS Civitillo Photography)

Birdi erfreut unsere verworrenen Existenzen mit Befriedigung unserer niederen voyeuristischen Bedürfnisse, erleuchtet uns und macht uns ein bisschen menschlicher, er streichelt unsere innere Katze und füllt unsere Liebestanks mit drei Litern Glück. Dass das nicht übertrieben und aus der Luft gegriffen ist, weiß jeder, der ihn einmal live erleben durfte.

Es ist witzig, wie er davon singt, wir wären alle aus Gold, er würde gern zum ZDF und mit Ilja Richter tanzen. Er macht Musik aus rohem Dadaismus aber ohne den Helge-Schneider-Ulk. Er bricht mit Erwartungen und Zuschreibungen. Und abseits von der politischen und humoristischen Ebene seines Kunstprojektes, die der queerfeministische Barde uns nicht missionierend auf die Nase bindet, ist da die Musik. Sie verhöhnt allen Ernst und überzeugt handwerklich. Berd Pflaum, der schon mit The Audience Erfolge im Indierock-Zirkus feierte, versohlt mit treibenden Elektrobeats unsere Hintern, lässt die Knie einknicken und den Kopf wippen. Nebenher veredelt ein seliges Lächeln, das er verschuldet hat, unsere Visagen. Er hat eine Stimme, eine breit gefächerte, geübte Singstimme und die Melodien komponiert er und spielt sie selbst ein.

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