VOLVOPENTA // Düsternis vertont

21 Apr

Wenn die Dunkelheit überschwappt, denkst du nicht an das Licht, das sie angeblich bedingen würde. Wenn der finstere Schwamm deine Herzsuppe aufsaugt, dringt kein Gedanke an den Neokortex, dass doch irgendwann die Sonne nach dem Regen kommen würde. Wir reden hier vom Dunkel, nicht von der Beklemmung, nicht vom Nichts. Volvopenta, das enorm entspannte und sympathische Vierergespann aus Essen/Mülheim erschafft die Töne dazu.

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Postrock- ein ganz böses Wort. Neo-Kraut – Besser! Die Vier geben dem Stoner einen Handkuss, drücken derb in die Neunziger (Hossa!). 2007 gegründet, kann Volvopenta schon auf eine lange Bandgeschichte zurückblicken, die nun endlich in einem Debüt mündet. „Yoshiwara“ erscheint heute via Tonzonen Records – lass dich davon hier beeindrucken!

Bird Berlin //Wir sind schön.

23 Feb

Ist das Theater des Absurden gepaart mit postdramatischer Performancekunst, ist das schnöde Glitzerromantik in Synthiepop gehüllt oder müssen wir uns ganz genau überlegen, was wir jetzt tun, weil irgendwo die versteckte Kamera auf uns zoomt? „Liebt euch, denn ihr seid wunderschön“ gerahmt von einem blauen Herz steht auf einem schnoddrigen Zettel am Merchstand. Auf der Bühne eskaliert ein großer Mann mit volumiger Stimme und nicht weniger ausladendem Körper. Wildes Haar auf Kopf, Rücken und Brust, ein Herz hineinrasiert zwischen den Nippeln und Glitzer obendrauf gestreut. Die Schweißporen so weit geöffnet wie die irritierten Augen des Publikums. Gleich fallen sie ihnen heraus.

Bird Berlin ist einer der angenehmsten Menschen der Welt. Ein unaufgeregter, ein faszinierender, ein herzlicher, ein ruhiger und ein mitreißender. Kontraste machen Menschen. Er, der mit entrücktem Blick dadaistische Texte singt, nur mit Stulpen und enger Leggins auf der Bühne sich in extatischem Ausdruckstanz übt – irgendwo zwischen Jane Fonda Fitnessvideo und Fatboyslim-Musikclip – schafft es Neu-Fans aus der Woge der Irritation zur Bucht der Faszination an den Stand der Liebe zu schwemmen. Ja, er füllt ganze Hallen mit Liebe, spätestens seit er sich mit Frittenbude verschiedene Bühnen der Republik teilte. Er spaltet gängige Kategorien der Normalität, zerhäckselt sie und serviert sie uns mit Käse überbacken, auf dass sie zu Scheiße werden. Er konfrontiert uns mit der Absurdität eingeübter Wertungsschemata: Darf denn ein fetter Mensch seine Massen wabbeln lassen, so schamlos die dunklen Dehnungsstreifen am Bauch präsentieren, so textilfrei Spaß empfinden statt sich zu schämen? Heiligs Blechle, nimm den Müll mit raus wenn du gehst.

Die Freiheit des Körpers als Protestform gegen das enge Korsett gesellschaftlicher Normen und Erwartungshaltungen, mag hippieske Vergleiche heraufbeschwören. Konfrontation und Irritation als Ausgangsposition, abzielend auf das Ausweiten der eigenen Komfortzone, die niemandem Raum stiehlt. Sichtbarmachen und so die Normalität erweitern. Bodypositivity.

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(Bild: CRIS Civitillo Photography)

Birdi erfreut unsere verworrenen Existenzen mit Befriedigung unserer niederen voyeuristischen Bedürfnisse, erleuchtet uns und macht uns ein bisschen menschlicher, er streichelt unsere innere Katze und füllt unsere Liebestanks mit drei Litern Glück. Dass das nicht übertrieben und aus der Luft gegriffen ist, weiß jeder, der ihn einmal live erleben durfte.

Es ist witzig, wie er davon singt, wir wären alle aus Gold, er würde gern zum ZDF und mit Ilja Richter tanzen. Er macht Musik aus rohem Dadaismus aber ohne den Helge-Schneider-Ulk. Er bricht mit Erwartungen und Zuschreibungen. Und abseits von der politischen und humoristischen Ebene seines Kunstprojektes, die der queerfeministische Barde uns nicht missionierend auf die Nase bindet, ist da die Musik. Sie verhöhnt allen Ernst und überzeugt handwerklich. Berd Pflaum, der schon mit The Audience Erfolge im Indierock-Zirkus feierte, versohlt mit treibenden Elektrobeats unsere Hintern, lässt die Knie einknicken und den Kopf wippen. Nebenher veredelt ein seliges Lächeln, das er verschuldet hat, unsere Visagen. Er hat eine Stimme, eine breit gefächerte, geübte Singstimme und die Melodien komponiert er und spielt sie selbst ein.

Gastrogeschichten #1 Spermaschamhaarmann

8 Jun

Die Freundin eines Kumpels, dessen Nachbar sein Zahnarzt hat eine Tochter. Und die arbeitet in der Gastro als Putzkraft.

Es trug sich zu, dass diese Person, nennen wir sie Luzi, regelmäßig eine üppige Portion Schamhaar und Sperma aus dem wasserlosen Urinal der Männertoilette einer Bar entfernen musste. Wer bitte entledigt sich seiner Intimbehaarung und/oder seines Druckes auf einer Bartoilette?

Unsere Theorie ist folgende:
Typ A, nennen wir ihn Matze, lernt am Tresen die Jenny kennen. Matze und Jenny flirten hart, sind knapp davor, die Grenze zwischen Petting und Uiuiui zu überschreiten und diskutieren nun den nächsten Schritt: zu mir oder zu dir? Da muss Jenny vorher eines klarstellen: „Du Matze, ich möchte echt gern nackt mit dir sein, aber wenn da unten bei dir ein Wald sprießt, komm ich leider nicht in Fahrt!“ Für Matze ist das kein Problem und er verschwindet schnell auf der Toilette. Was für ein Glück, dass er neben den zum Bersten gefüllten Hoden auch Omas Weihnachtsgeschenk in der Hose hat. Das Taschenmesser mit Scherenapplikation leistet vor dem wasserlosen Urinal gute Dienste und das heißt freie Fahrt für die heiße Nacht mit Jenny. Am nächsten Morgen darf Luzi die Schweinerei Haar für Haar wegputzen.

Typ B, nennen wir ihn Matze, lernt am Tresen eine richtig richtig scharfe Lady kennen. Nennen wir sie einfach Jenny. Die beiden mögen sich sofort, sind totally attracted, zart umspielen sich ihre Fingerchen, gar neckisch streicht er ihr über das Bein. Ja, das ist hier Konsens, sie wollen sich heute Nacht dem anderen völlig hingeben. Das ist kein Flirt, das ist ein Versprechen. Aber bevor es Richtung Matratze mit Matze gehen kann, muss Jenny eine Ansage machen: „Du Matze, ich möchte echt gern nackt mit dir sein, aber wenn da unten bei dir ein Wald sprießt, komm ich leider nicht in Fahrt!“ Matzes Oma hatte ihm zu Weihnachten ein Taschenmesser mit Scherenapplikation geschenkt, doch anstatt es bei sich zu tragen, hat Matze, der Trottel, es gegen vier Gramm feinstes Bioweed aus dem Erzgebirge verkauft. Hätte er jetzt sein Taschenmesser in der Hose statt einen mörderharten Monsterständer und vier Gramm feinstes Bioweed aus dem Erzgebirge, könnte die Geschichte für ihn, Jenny und Luzi anders enden. Also geht Jenny heute Abend allein nach Hause und Matze mal schnell auf die Bartoilette. Etwa vier Gramm leichter verschwindet er wieder von seinem Platz vor dem wasserlosen Urinal, bestellt sich ein neues Bier und baut sich ein Tütchen mit feinstem erzgebirgischem Bioweed.

Luzi nennt Matze den Spermaschamhaarmann und verflucht diese dreckige wasserlose Gastroinnovation. True Story.

Ein Jahr (Mülltonnen und Schuhe)

24 Mrz

Als am 24.o2.2015 gegen 5 Uhr mein Wecker klingelt, heule ich wie ein Schlosshund. „So möchte ich nicht leben“, denke ich als erstes und gehe arbeiten. Als wir später frühstücken, bekommen wir beide nur ein halbes Brötchen runter. Ein seltsamer Morgen.
Wir gehen ins Café neben der WG wie fast jeden Tag, trinken Kaffee und freuen uns, dass die Freundin nach einem Monat heute wieder aus Valencia kommt. Es ist Semesterende und wir schreiben im Feuerwehrmodus an unseren Hausarbeiten. Vier Anrufe in Abwesenheit. Das Handy ist in der Bibliothek lautlos. Eine SMS. Wenig später rufe ich beim Auswärtigen Amt an. Beim Reden erstickt meine Stimme und die Tränen kommen. Keine Auskunft.

Wir kochen Nudeln mit Soße. Dann gehen wir in das Café neben der WG. Es kommen alle, wir saufen, wir heulen, er schüttet ihren Lieblingscocktail auf die Straße. Buonanima. Wir treten Mülltonnen um auf dem kurzen Heimweg. Er schreit im Bett.
Am nächsten Morgen gehe ich 5 Uhr arbeiten und heule die ganze Zeit. Danach gehen wir wie jeden Tag ins Café, um Kaffee zu trinken und zu heulen. Es ist nun unsere große dunkle Glocke. Die Kellner heulen, die Gäste an der Theke heulen. Noch immer keine Auskunft, aber die Freundin meldet sich auch nicht. Ich hoffe, sie hatte einen riesen Kater, mit Musik auf den Ohren, den ganzen Flug geschlafen und gar nichts mitbekommen. Nein, die Schwangerschaft. Ich hoffe sie ist durchgebrannt mit dem Baby und macht sich ein schönes Leben in Spanien.
Ich stehe 5 Uhr auf und gehe heulen und arbeiten. Dann frühstücken wir und gehen auf einen Kaffee und ein paar Tränen nebenan unter unsere große dunkle Glocke. Die Tageszeitungen sind unvollständig. Ein paar Seiten werfen wir ungelesen meist weg. Wenn die Presse kommt, nehmen wir das Kondolenzbuch weg. Was werden sie nur mit unserer Trauer machen?
Ich stehe 5 Uhr auf und gehe heulen. Sie saß in der ersten Reihe, selbst Musik wird den Sturzflug des Mörders nicht gedämpft haben. Die welken Blumen, die Menschen ins Schaufenster ihres Kunstprojektes gelegt haben, werfen wir irgendwann in die Saale und feiern einen leisen Abschied. Und treten auf dem Heimweg Mülltonnen um.
Ein Monat später, wir trinken spanischen Kaffee. Wir stehen 7 Uhr auf und laufen jeden Tag 25 Kilometer, legen einen Stein von ihr ans Cruz de ferro. Nach 420 Kilometer verschütten wir Wein am Ende der Welt. Buonanima. Und wenden uns von den Wegbegleitern ab, um ein bisschen traurig zu sein. Es ist ein guter Ort zum Trauern.
Vier Monate später. Jule, ich habe gehört, du sollst tot sein. Das finde ich scheiße“, liest die junge Frau aus dem Brief auf ihrer Beerdigung. Die Presse macht Fotos. Wir gehen saufen und treten auf dem Heimweg Mülltonnen um. Es ist sinnlos, es hilft aber einen ganz kurzen Augenblick.

Das „das ist jetzt so“ frisst der Alltag irgendwann auf. Jeden Morgen sehe ich ihre Schuhe, ihre Kunst. Denke daran, wie sie mit ihren 30 Jahren Topfschlagen im Wohnzimmer gespielt hat. Wie sie nachts nur mit Bademantel bekleidet ihren Freund aus unserer dunklen Glocke abgeholt hat. Wie sie nackt mit ihrem halbdurchsichtigen Morgenmantel mit zugekniffenem Auge und am Fenster lehnend in der Küche geraucht hat. An ihre extravagante Eleganz. Entdecke ihre Züge in den Gesichtern ihrer Eltern. Ihre wunderschöne Mutter, die immer weint. Ihr Vater mit dem konzentrierten leeren Blick, den Väter immer haben, wenn sie ein Kind verlieren. Das Kind wäre jetzt ein halbes Jahr alt. Sein Vater ist ein Geist. Fahrig und schlaflos wandelt er über die knarzigen Dielen. Er zittert unentwegt.
Wir weinen nur noch selten und heimlich. Die Glocke ist wieder eine Cocktailbar bei Nacht, ein Café am Tag. Vor einem Jahr. Ein paar Wochen später bin ich wieder zur Uni gegangen, nach dem 5-Uhrjob und den anderen drei Jobs. Damit ich dieses Leben irgendwann überwinden kann.
Ein Jahr. Wir gehen jeden Tag ins Café nebenan, um Kaffee zu trinken und manchmal ein bisschen traurig zu sein. Verändert hat sich nicht viel. Es ist nur etwas leerer, etwas konzentrierter.

#AusSinnlosemSinnErschaffen

Opa

15 Jul

Der rosa Hase und der gelbe Hund – irgendwann habe ich sie „Oma und Opa“ genannt – sie sind mein Anker.

Ich bin mir nicht sicher, aber in meiner Vorstellung waren sie Dein letztes Geschenk an mich. Wahrscheinlich stimmt das nicht. Aber schon immer denke ich an Dich, wenn ich sie halte. Ich werde dann ein bisschen traurig.
Es ist schon sehr sehr lang her, aber es gab eine Zeit, da habe ich sie immer bei mir gehabt. Ich weiß noch, dass die Securityleute am Flughafen testen wollten, ob vielleicht Drogen in Oma und Opa versteckt sind. Sie haben den gelben Hund und den rosa Hasen grob zusammen gedrückt und es quietschte so laut in der Halle. Alle erschraken und mussten dann irre laut lachen. Diese quietschenden Plüschtiere, sie sind mein Anker, sie sind irgendwie von Dir.

Eine Kindheit, behütet wie ein Königskind, geliebter als jeder Frühlingssonnenstrahl, so wunderbar, dass das Gehirn im Glücksrausch so viel gelöscht hat. Morgens die Busfahrt und später hinten auf dem Moped in den Kindergarten – graulila wie ein Agfa-Film. Sepiafarben: Früh auf der Waage springen und zwischen den Hüpfern die schlafende Mutti küssen und sagen „ich hab dich lieb!“ Hüpf (und der rote Strich auf der Waage, die sonst unter dem Bett steht, springt mit), „ich hab dich lieb“, die Mutti küssen, hüpf „ich hab dich lieb“, die Mutti küssen, hüpf „ich hab dich lieb“, bis ich ins Bett der Eltern gezerrt werde.
Endlich sind sie wach.
Die Sonne schien hell und orange durch die Glasfront vom Balkon unserer Neubauwohnung.
Die Bilderbuchkindheit, geliebt und verhüpft, Märchengeschichten vorm Schlafengehen und heißer Johannisbeersaft im Winter. Die Urgroßmutter mit dem Kopftuch – ihr süßer, beißender Geruch, so wie verdorbenes Obst, dass ich sie nicht umarmen wollte. Jeder Moment eine Pfirsichblüte, ein wacher Tagtraum, ich weiß das alles noch ganz genau.

Der Tag vor dem Friedhof. Ich kenne diesen Ort. Keine Ahnung warum wir da sind. Der große Bruder, der mich immer an den Haaren zog, keine Ahnung warum wir hier sind, der junge Vater und sein Vollbart. Alle still und verlegen. Die Mutter irgendwo, heute denke ich, dass sie geweint und getröstet hat. Ich habe das alles nicht verstanden. Und dass jemand weg war, das habe ich nicht einmal gemerkt. Ich erinnere mich nur an dieses dunkle Gefühl vor den Friedhofsmauern. Ratlos und leer. Ein bisschen langweilig. Das war aber ganz schnell wieder weg. Das Leben war ja so spannend.

Meine früheste Kindheitserinnerung: Wir tanzen im Hinterzimmer meiner Großmutter. Ich federleicht auf Deinem Arm und Du singst. Ich weiß, dass Du so gut gerochen hast. Ein schwerer Geruch, allesumarmend aber nicht erdrückend. Ich habe ihn nie wieder gerochen, aber wenn ich einschlafe, ist er wieder in meiner Nase. Du warst der, der mich am festesten gehalten hat. Dieser Polyester-Pullover und die Musik.

Deine Stimme heute zu hören, ist das allerschönste Gefühl. Sie sagt, dass ich Deine letzte große Liebe war. Sich 23 Jahre nach Deinem Tod noch immer so wahnsinnig geliebt zu fühlen, mit den Tonbändern in Zeiten zu tauchen, die fast so fern sind wie der vertrocknete Fikus hinter der Gardine. Ich bin 25 und höre Dich ganz nah an meinem Ohr, hüpfe achtzig Kilo später wieder auf Deinem Arm und bin wieder im Hinterzimmer der Großmutter.

Dein mieses Herz, das alte Arschloch, hat mir die Zeit geraubt, einen großen Menschen kennenlernen zu dürfen. Deine Stimme auf diesen Tonbändern macht Dich wieder real und schenkt mir meine erste Erinnerung zurück: wir tanzen, ich auf Deinem Arm, geliebter als alle Königskinder aller Zeiten. Und irgendwie fehlst du. Happy Birthday to me.

Uns – Gegengift

7 Mrz

UNS schieben mit ihrem ersten Langspieler eine neonfarbene Bockwurst mit Erdbeersoße in die Ohren der Hörenden. Das ist mal was Neues, tut irgendwie weh, man gewöhnt sich aber daran. Auf „Gegengift“ klagt das Trio an: Scheiß Realität, Scheiß Sexualität und Sven Väth ist auch doof.

 

 

Sie haben den Klang, die Erlösung und das Gegengift! Was sie nicht haben, ist die Antwort auf ihre hysterische Frage nach dem guten Leben inmitten der schier unlösbaren Aufgaben des 21. Jahrhunderts: Welche Powermoves ziehen eigentlich noch? Bart oder kein Bart und wenn ja: Mustache, 3-Tage oder Vollbart? Wann ist eigentlich Sexualität so enervierend geworden und komm mir nicht mit Liebe, ey! Egal: Wir sind „bis auf die Zähne entwaffnet“, das Eichhorn hat recht und Sven Väth ist kein Freund von mir. Das ist wohl die Quintessenz des Erstlings der Band UNS aus Berlin. Ein Unfall der schönen Art – keine Verletzten, ordentlich was zum Glotzen und endlich steht das ganze Dorf mal wieder Kopf.

Was sich bis hierhin wirr und ungeordnet liest, macht vor dem Hintergrund von „Gegengift“ durchaus Sinn. Das Trio aus Mitgliedern des alten Indieadels von Petula, Kate Mosh und Shiva kleidet pure Hysterie mit dem treibenden Diskosound der 80er-Jahre. Da liegt wilder Dadaismus in hektischen Drums, schrillen Synthies und teils harten, teils melodiösen Gitarrensounds. Sebastian Cleemann singt dazu mit melodramatischer Stimme skurile Texte, deren Gehalt sich nicht unbedingt erschließen lässt. Was 2011 auf Festivals noch als „Schmetterling auf LSD“ angeteast wurde, hat sich 2013 zu einer frustrierten Anklageschrift gegen die Realität, nächtliche Scheinwelt-Extasen und die Lähmung angesichts der unendlichen Möglichkeiten entpuppt.

Der verstorbene Wrestler Owen Hart gibt der Perle der Platte seinen Namen. Hier heißt es: „Wir führen heut das wunderbare Wort spazieren und die Kraft, den Dreck der Tage wegzuamüsieren.“ Mit abstrakten Bildern und schwer durchschaubarer Metaphorik stellen UNS das Lebensgefühl dieser Zeit in Frage: „Habt ihr gelernt, es zu genießen, wenn euer Rücken mit der Wand verwächst?“ Sie bieten engagierten Germanistikstudierenden mit schnell hingerotzten 32 Minuten Songmaterial Stoff für eine anspruchsvolle Interpretationsorgie und die PhilosophInnen dürfen sich fragen „Wie soll das je funktionieren?“.

Label: Noisolution/ Indigo

Tracklist:

01. Kamera
02. Gegengift
03. Sven Väth
04. Kapitän
05. Wenn man alles verliert
06. Nee
07. Achim
08. Owen Hart
09. Every Sky Must Fall
10. Das Werk

Unmap – Pressures (Himmel im Ohr)

6 Dez

Die gebürtige Irin Mariechen Danz hat nicht nur den zauberhaftesten Vornamen der Welt, sie verleiht auch dem großartigsten Album des Jahres ihre rauchige Stimme. Fünf Buchstaben und tausend Ausrufezeichen kannst Du hinter Deine Hörorgane schreiben: UNMAP!!!1!11!!einself!

Die Vollblutkünstlerin, die in Berlin, Valencia und Amsterdam studierte, ist uns schon seit 2008 hin und wieder in verschiedenen Bodi Bill-Features wie „Soldiers“, „Depart“ oder „Queen“ begegnet. Ihr Companion Alex Stolze, der Geiger und Beatsbastler aus eben jener Band, arbeitete zunächst mit ihr an der Musik für ihre Kunstperformances. Dieser Zusammenarbeit entsprang ihre Idee von Unmap. Als der Bassist Matthias Geserick und Thomas Fietz an den Drums das Vierergespann komplettierten, setzten sie diese um. Jetzt überraschen Unmap mit einem Album, dass so viel Bekanntes umkrempelt und kraftvollen Elektrosoul  in ein dunkles Popgewand kleidet.

Das Debüt der Berliner geht unter die Haut, bis in die Knochen, explodiert im Mark und erschüttert Herz und Seele. Unmap zelebrieren Kontraste – sie verstören, ja sind fast furchteinflößend in „Altar“, kindlich verspielt und leichtfüßig in „ABC (Hierarchy Of The Alphabet)“, erhaben bis religiös anmutend  in „Monkey Effort“  und rebellisch in „When To Lead And When To Follow“.  Das pulsierende „Purify“ mit seinen derben Bässen und das sanfte „Take Over“ mit seinen HipHop-Elementen treten zwischen den zehn Songs des Albums deutlich hervor als musikalische Meisterleistung und Gegenentwurf zu belanglosen Indiealben dieser Tage.

Mit einem minimal gehaltenem Beat wabert Mariechens düstere Stimme in den ersten Track. Eine starke Dissonanz leitet die den Refrain aus bevor die ersten Zeilen wiederholt werden. Vibrierende Tiefen umhüllen uns, Danz‘ dunkle Stimme zieht uns hinab in undurchdringliche Sphären, ein Ideenjungle, intensives Chaos. Der Sound von Unmap lässt das Blut für eine Nanosekunde gefrieren um dann im nächsten Augenblick wie ein gigantischer Wasserfall alles zu durchströmen, sodass die Nasenspitze kitzelt und die Fußzehen glühen. Das ist irre und neu und unbeschreiblich. „Pressures“ ist klar und doch undurchsichtig, pur und trotzdem ausschweifend, experimentell aber klar strukturiert. Es ist düster, bewegend und bittersüß, lähmt und ist doch irgendwie tanzbar.

Live:
21.12.2013 – DE – Dresden, Scheune – 10 Jahre Sinnbus
23.01.2014 – NL – Amsterdam, Paradiso
21.02.2014 – DE – Hannover, Lux
22.02.2014 – DE – Hamburg, III&70
24.02.2014 – DE – Berlin, Prince Charles
26.02.2014 – DE – Nürnberg, Stereo
27.02.2014 – DE – Frankurt a.M., Zoom

Label: Sinnbus
VÖ: 29.11.2013

Tracklist:

01. Wire Rule
02. Pirates
03. The Gold Route
04. Purify
05. Monkey Effort
06. Take Over
07. Altar
08. Stone Head
09. When To Lead And When To Follow
10. ABC (Hierarchy Of The Alphabet)